Hochsensitiv & Hochsensibel

 

Ich höre was, was du nicht hörst

 

Hochsensitiv und Hochsensibel im Alltag 

 

Das mein Sohn irgendwie „besonders“ war, fiel mir eigentlich am Tag seiner Geburt  auf. Er schaute bereits so wachsam durch die Gegend, keine 5 Minuten alt wollte er schon alles wahrnehmen. Im Laufe seines Größer Werdens zeigte er Verhaltensweisen die mir absolut unbekannt waren. Auf minimales Sonnenlicht reagierte er lautstark mit : „ zu hell“,  Lauwarmes Wasser wurde schmerzhaft mit „zu heiß“ abgelehnt , Haare kämmen oder Nägel Schneiden verursachte schlimmste Schmerzen und beim Essen konnte er bereits SEHEN und RIECHEN das es nicht schmeckt. (Essen kann für ein hochsensibles Kind ein ungeahntes Wagnis ein. Es schmeckt intensiver als wir und andere Kinder, empfindet Gewürze und Schärfe extremer) Am auffälligsten für seine Umwelt und mich war es jedoch das er auf Geräusche sofort mit lauten Gegengeräuschen reagierte und z. B. beim Haare Föhnen in Walgesang verfiel oder beim Staubsaugen in Arien.  Wenn wir Räume mit vielen Menschen betraten drehte mein Sohn zunächst richtig auf und reagierte mit extremer körperlicher Aktivität.  Was nicht nur für mich sondern auch für unser Umfeld in vielen Fällen unverständlich war. 

 

Durch die Kindergartenzeit haben wir ihn durchgequält. Damals dachte ich mir oft nur „ was stimmt mit Dir nicht“? Er wollte, so dachte ich, doch in Wahrheit KANN er nicht in der Gruppe sein. Es waren für seine feine Wahrnehmung zu viele Gefühle, zu viel Bewegung und es war einfach immer zu laut. Um damit, so gut es ihm möglich war, zurecht zu kommen erzeugte er lautstarke Gegengeräusche und zog sich so oft er konnte in die Bücherecke zurück um sich zur „schützen“. Gern gesehen war sein Verhalten zwar sicher nicht, er sollte ja schließlich Teil der Kindergartengruppe sein, aber so störte er niemanden und  das war sein Glück, er erhielt somit eine Rückzugsmöglichkeit. 

 

Erst mit seiner Einschulung hab ich mich mit dem Thema Hochsensitivität befasst, bis dahin war mir das kein Begriff.

 In der Schule gab es keine Möglichkeit mehr sich zurückzuziehen um sich zu regenerieren. Er war den Gefühlen, Geräuschen und den vielen Bewegungen im Schulalltag ausgeliefert und zeigte sehr schnell seine Grenze der Überforderung. All zu schnell wurde uns seitens der Lehrer vermittelt: „ mit Ihrem Sohn stimmt was nicht“ 

 

Doch was ist das? 'Highly Sensitive Person'.  HSP  

Der Begriff wurde im Jahr 1996 von Frau Dr. Elaine Aron geprägt und wird seither von vielen Psychologen, Therapeuten und Neurologen aufgegriffen. 

 

Hochsensitivität  ist ein Phänomen, bei dem Betroffene stärker als der Durchschnitt auf Reize reagieren, diese viel eingehender wahrnehmen und verarbeiten. Wer hochsensibel ist, verfügt über feiner ausgeprägte 5 körperliche Sinne als andere. Er hört, sieht, schmeckt, fühlt und riecht differenzierter. Das führt daher leicht zu Reizüberflutung und wird in der Öffentlichkeit sehr häufig mit ADHS verwechselt und auch so diagnostiziert.

 

Es gibt dabei aber einen Unterschied zu Hochsensibilität . Hochsensible sind „zartbesaitet“. Gleichzeitig sind sie dadurch aber in der Lage, viel feinere Informationen wahrzunehmen  und zu interpretieren. Hochsensitive sind das, was man hellsichtig oder hellfühlig“ nennt. Sie sind extrem empathisch und ganz nah an ihren eigenen Gefühlen und denen ihrer Mitmenschen dran. Hochsensible Menschen fühlen, was andere oft gar nicht wahrnehmen können. Sie besitzen einen feineren Wesenszug, ihre Art zu fühlen ist um ein vielfaches  sensibler. Diese Gabe benötigt viel Rückzugsmöglichkeiten um die eigene Energie wieder aufzuladen. Im Laufe des Lebens lernen viel HSP sich selbst vor zu vielen Gefühlen von außen zu schützen, diese saugen sie leer und laugen sie aus

Kein Wunder, das so viele Hochsensible Künstler sind. Vermutlich weisen ca 20% der Bevölkerung die Charakterzüge von Hochsensibilität/Hochsensitivität auf.

  

Oft treten Hochsensitivität und Hochsensibilität gemeinsam auf, aber nicht immer. Es gibt Hochsensible ohne ausprägte Empathie und es gibt Hochsensitive, deren alltägliche Sinne nur durchschnittlich ausgeprägt sind.

Ein begleitendes Phänomen ist, dass viele der HSP`s auch hochbegabt sind, was sich über die „mehr“-Wahrnehmung der Sinne erklärt.

 

Doch wie ist der Alltag mit einer Highly- Sensitiv- Person ( HSP) ?

 

In dem Falle kann ich klar sagen, was für einen Erwachsenen ein Segen ist, ist für Kinder ein absoluter Fluch. Ich nutze meine Gabe, "feinfühlig"  zu sein in meiner Praxis. Es hilft mir nicht nur den Worten zuzuhören, sondern meine Klienten fühlen zu können. Sie zu  spüren wenn Sie an ihren verschütteten Emotionen dran sind ohne das sie es selbst als Gefühl wahrnehmen zu können.

In der Zeit in welcher ich groß geworden bin, war noch nicht alles immer "online".  Noch vor 40 Jahren gab es kaum Fernsehprogramme, kein Handys, kein Internet und abends wurde es ruhig und dunkel. Nun, das Glück hat mein Sohn leider nicht mehr. Seine Sinne stehen den ganzen Tag auf Empfang. Was zur Folge hat das er sehr schnell reizüberflutet ist und darauf mit körperlicher Unruhe reagiert und sich dann dringend zurückziehen muss um seinen Akku wieder aufzuladen. Etwas was in einem normalen Kinder- bzw. Schüleralltag nicht immer leicht ist. Ich habe gelernt, das zu Hause  sein Rückzugsort ist. Eine reizarme Umgebung ( keine Geräusche von Fernseher oder Radio ) und jede Menge Ruhe und Zeit für meinen Sohn. Er ist am liebsten mit sich alleine, erfindet Geräte, baut, liest  und singt. 

 

Im Frühjahr 2016 war ein überaus interessanter Hochsensibilitäts-Kongress.  Viele Experten haben dort Ihre Wissen und Ihre Erfahrung ausgetauscht. Ein Interview hat für mich alles wieder gespiegelt was uns im Alltag und im Zusammenleben mit Hochsensitiven/ Hochsensiblen erklärt. 

Frau Gabriele  Neubronner, Leiterin des Neufeld-Instituts  hat folgenden Vergleich gebracht: 

"Wenn ein hochsensibler Mensch zum Beispiel ein Lamborghini sei, dann sei es nun mal seine Gabe, ganz wunderbar 250 km/h auf der Autobahn fahren zu können. Würde er aber von einem Landwirt auf seine Fähigkeit, über einen Acker zu fahren, bewertet, so sei er in den Augen des Landwirts nichts weiter als ein schlecht funktionierender Traktor."

 

Wenn man den Hintergrund der Probleme, die vor allem hochsensitive Kinder in Kita, Kindergarten und Schule haben, nicht kennt, dann denkt man, man könne solche Situation „trainieren“. Tatsächlich aber sind solche Einrichtungen für hochsensible Kinder ein überdurchschnittlich anstrengender Ort. 

Ich durfte durch meine Sohn schon viel lernen darüber, wie die Welt sich zeigt, wenn man mehr wahrnimmt, aber auch über unsere Gesellschaft die sich immer noch sehr schwer tut wenn nicht alles Normal/ genormt ist. 

Was ich mir für meine Sohn und alle Hochsensiblen/ Hochsensitiven Menschen von ganzen Herzen wünsche: Hochsensibilität ist keine Krankheit, kein Mangel und kein Devekt und schon gar nichts was Therapiert werden muss.  Mein Kind ist nicht anders als andere, er ist einfach nur sensibler und empfindsamer.

Was wir dafür tun können ist die Umgebung anpassen, für Rückzugsmöglichkeiten sorgen und den Weg zu begleiten die Gabe nutzen zu können

 

 

 

Quellen: Hochsensibilitätskongress 2016, Bücher: Mein Kind ist hochsensibel ( Rolf Sellin) Das Handbuch für Hochsensible: Ein Arbeitsbuch für die optimale Nutzung der Gabe Hochsensitivität (Dagmar Neubronner)